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Mittwoch, 25. Februar 2015

Werde sichtbar - Celeste Ealain

Ich möchte euch lieben Mit-Asseln heute ein wunderbares Buch vorstellen: Werde sichtbar von der geschätzten Celeste Ealain. Ein Buch, das ich so ganz anders finde, als die anderen, die ich bisher von ihr lesen durfte. 

Bild: lovelybooks.de


1. Cover
Das Cover muss ich zur Bewertung in zwei Hälften teilen. Die untere Hälfte finde ich schön gestaltet, die hellen Wirbel sehen mystisch und irgendwie energiegeladen aus, die Pokerchips suggerieren die Abwägung zwischen Gewinn und Risiko, unterschwellig wird also die Gefahr des Verlustes suggeriert. Die Schrift geht praktisch in diesen "Energiewirbel" über, was der Lesbarkeit allerdings keinen Abbruch tut.
Die obere Hälfte erschließt sich einem erst, wenn man in das Buch hineingelesen hat - den sie zeigt den Hauptprotagonisten Kilian, mit seinen zwei verschiedenfarbigen Augen. Weil das Blau allerdings nicht so stechend ist wie das Grün und die Farbe Blau im Hintergrund auch wieder aufgenommen wurde, "kippt" das Bild, das heißt, dass ein Auge viel stechender wahrgenommen wird.

2. Inhalt
Ich möchte mir hier eine plumpe Inhaltsanalyse sparen, sondern etwas tiefer gehen.Im Gegensatz zu den anderen Büchern, die wir von der Autorin kennen, ist dieses irgendwie sensibler. Das Thema ist gut gewählt, übertragen geht es um die Rücksichtslosigkeit, die man manchmal an den Tag legt, um seine Ziele zu erreichen - und wen man damit vielleicht sekundär beeinflusst, verletzt. Jeder Leser kann manche Dinge auf sich selber beziehen, jeder Protagonist hat an anderer Stelle zu knabbern, und es findet sich sicher fast jeder irgendwo wieder. Es bringt einen zum Nachdenken, und man kann die Gabe des Hauptprotagonisten Kilian fast als eine Metapher nehmen, für das, was wir anderen Menschen vorspielen, ohne es zu sein oder zu meinen. Es zeigt auf, wie verflochten Schicksale miteinander sind - auch ohne, dass es auf den ersten Blick ersichtlich ist.

3. Protagonisten
Meiner Meinung nach gelingt es die Autorin in bisher all ihren Werken, die ich gelesen habe, die Figuren plastisch wirken zu lassen. Sie sind nicht farblos, keine kompletten Klischeesammlungen (manchmal gibt es vereinzelt welche, aber man zeige mir bitte einen einzigen Charakter, der nicht irgendwo ein Klischee in sich trägt. Und sei es nun ein fiktiver oder ein realer.). Sie alle haben Macken (sich ans rechte Ohr zu fassen beispielsweise) und Eigenschaften, die ihren Charakter menschlich wirken lassen. Sie haben Stärken und Schwächen - und handeln nach beidem.Allein die Namen kriegen bei mir hier die volle Punktzahl. Sie sind alle außergewöhnlich melodisch und die meisten von ihnen durch weiche Konsonanten unheimlich weich, da nehme man als Beispiel Liam, oder auch Kilian, der zum Ende sehr weich ausläuft. Natürlich werden die Nebencharaktere nicht ganz so stark ausgeführt, aber dann hätte das Buch wahrscheinlich kein Ende, und deshalb sind sie ja auch nur die Nebencharaktere. Also kein Kritikpunkt, vor allem weil man hier trotzdem relativ schnell begreift, wie sie gestrickt sind.

4. Ausdruck & Schreibweise
Ich freue mich immer wieder, wenn ich ein Buch lese, was Stimmungen erzeugen kann und mich mitreißt. Wenn ein Autor es schafft, mich mitfühlen zu lassen. Die Beschreibungen sind für meine Bedürfnisse genau richtig - der Ausdruck nicht zu schwulstig, nicht zu übertrieben, die Länge genau so, dass der Leser ein Bild im Kopf hat (nicht ohne Raum für die persönliche Vorstellungskraft zu geben), aber nicht so lang, dass der Leser geneigt ist, sie zu überspringen. Durch diese Länge kann auch die Stimmung vom Leser übernommen werden, denn die wird ja durch Beschreibungen ausgelöst. Zudem birgt jeder Wechsel der Sichtweise von den Protagonisten auch einen Wechsel der Stimmung. Bei Alessia dringt die fast erzwungene Fröhlichkeit durch, hinter der sich tiefe Trauer versteckt, Kilian ist dem Leser immer irgendwie suspekt, weil man nie genau weiß, ob einem der arrogante Bolzen, der vom Leben gestraft wurde und sich daraufhin in die Schatten zurückzog, nun sympathisch sein soll oder nicht, und bei Liam herrscht Geradlinigkeit und ab und zu ein vulgärer bzw. obszöner Ton, wenn er in Bedrängnis gerät, ob nun privat oder beruflich.
Aber natürlich, wie immer, gibt es einige kleine Kritikpunkte, aber das seid ihr ja alle von mir gewohnt: Ab und zu gibt es einige Wörter, die vollkommen aus der restlichen Ausdrucksweise herausfallen, und über die man als Leser stolpert. Dafür gibt es aber auch absolute Ausdrucksspitzen, und Sätze, über die man stolpert weil sie so genial sind. Mein absoluter Favorit war hier: "Kilian spazierte die Perry Street entlang und erfreute sich an den Auren der Menschen um sich, berührte und inhalierte sie. [...] Unbekannte Gesichter, alle mit ihren ganz persönlichen Träumen und Ängsten, einzigartigen Geschichten und Schicksalen, die sie geprägt hatten." (Kap. 1)Ich muss zugeben, ich kann nicht mal sagen, weshalb ich die Stelle so gut finde, aber es ist halt so. Es ist einfach schön geschrieben.Andererseits gibt es manchmal Punkte, an denen der Leser nicht genau weiß, was gemeint ist. Siek mag vielleicht schlau sein und einen Plan ausgeklügelt haben, allerdings muss der Leser die Stelle einige Male lesen, um ebenfalls hinter das Prinzip zu steigen. Auch am Ende, nachdem aufgelöst wird, was nun mit Kilian passiert, gibt es kleine Verwirrungen bezüglich der Frage Was ist geschehen und was nicht?Was mir ebenfalls ein bisschen zu wenig war, waren irgendwelche Merkmale der Orte, an denen sie sich befanden. Also ein Punkt, den der Leser praktisch schnell mit dem Ort verbinden kann, wo sich die Figur befindet. In größeren Städten können das vielleicht Wahrzeichen oder Sehenswürdigkeiten sein, in kleineren Gegenden vielleicht die Umgebung (brachliegende Felder, Weidewiesen, der Dorfkiosk, der am Anfang mal erwähnt wird), damit die Ortswechsel als solche auch wirklich wahrgenommen werden. Vom Kaff in die Großstadt, sozusagen nicht nur durch eben diese Wörtlichkeit verdeutlicht, sondern auch die Umgebung - von Scheunen zu Wolkenkratzern.Die verflochtene Handlung ist hingegen gut gelungen. Die Rückblenden wurden sehr gut eingesetzt, genau wie der Wechsel der Sichtweisen in eben diesen. Es wird in den Geschichten der Figuren herumgesprungen, der Leser wird gefordert, nicht gelangweilt, der Verwirrtheitszustand, bei wem man sich wo und wann befindet hält allerdings nie lang genug an, um es als negativ zu bewerten, daher ist es ein großer Pluspunkt.

5. Fazit
Krasses Ding. Ich muss zugeben, es hat mich ein bisschen geflasht, und ich sitze mittlerweile seit über einer Stunde an der Rezension, weil meine Gedanken immer wieder abschweifen zu dem, was das Buch mir vielleicht sagen will, was eventuell noch zwischen den Zeilen steht, und ob ich vielleicht mal jemanden viel stärker verletzt habe, als ich es je realisiert habe. Auf jeden Fall eine Leseempfehlung von mir!

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